Problematisch wird er vor allem dann, wenn er extrem oder chronisch wird und wir das Gefühl entwickeln, die Kontrolle über die Situation zu verlieren.
Für Führungskräfte ist diese Erkenntnis von besonderer Bedeutung. Denn Führung bedeutet letztlich nichts anderes, als mit Unsicherheit umgehen zu können. Wer Verantwortung übernimmt, wird zwangsläufig mit schwierigen Entscheidungen, Zielkonflikten und Rückschlägen konfrontiert.
Interessant ist deshalb Buschs Gedanke der „Stressimpfung“. Ähnlich wie unser Immunsystem durch den Kontakt mit Krankheitserregern gestärkt wird, entwickelt auch unsere Psyche Widerstandskraft durch die Bewältigung von Belastungen. Wer jeder Herausforderung aus dem Weg geht, schützt sich vielleicht kurzfristig, wird langfristig aber nicht belastbarer.
Besonders jüngere Führungskräfte stehen häufig vor der Herausforderung, erstmals Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen treffen zu müssen. Nicht selten erleben sie Verantwortung als Belastung statt als Gestaltungsraum. Die Folge können Unsicherheit, Grübeln oder Rückzug sein.
Doch auch erfahrene Manager sind nicht immun. Viele von ihnen haben in den vergangenen Jahren erlebt, wie sorgfältig entwickelte Strategien durch Pandemie, Energiekrise, Inflation oder Konsumzurückhaltung innerhalb weniger Monate überholt wurden.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Führungsaufgabe unserer Zeit: Nicht auf die Rückkehr stabiler Verhältnisse zu warten, sondern Unsicherheit als Normalzustand zu akzeptieren.
Resiliente Menschen verfügen dabei über eine besondere Haltung. Sie verdrängen Probleme nicht, aber sie definieren sich auch nicht über sie. Sie konzentrieren sich auf den Handlungsspielraum, den sie besitzen, statt auf die Umstände, die sie nicht ändern können.
Ein weiterer Gedanke aus der Resilienzforschung erscheint mir bemerkenswert: Menschen werden nicht nur durch Leistungsfähigkeit stark, sondern auch durch einen vernünftigen Umgang mit sich selbst.
Wer sich nach Fehlern permanent selbst verurteilt, verschärft den Stress. Wer sich dagegen Fehler zugesteht, daraus lernt und weitermacht, bleibt langfristig handlungsfähig. Selbstmitgefühl ist keine Schwäche. Es ist eine Voraussetzung für mentale Stabilität.
Die aktuelle Krise ist für niemanden angenehm. Aber sie bietet die Möglichkeit, Fähigkeiten zu entwickeln, die in guten Zeiten kaum entstehen. Entscheidungsstärke. Anpassungsfähigkeit. Gelassenheit. Durchhaltevermögen. Resilienz ist deshalb weniger ein Persönlichkeitsmerkmal als eine Haltung.
Nicht die Frage „Wie vermeide ich Stress?“ entscheidet über unsere Widerstandskraft. Sondern die Frage: „Wie gehe ich mit ihm um?“ Oder, um es mit Friedrich Nietzsche zu sagen: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“
